Wem gehört die Stadt?

Oder warum die Gesellschaft eine neue Gerechtigkeitsdebatte verdient!

 

Berlin boomt, Berlin wächst, Berlin ist nicht mehr „arm, aber sexy“, sondern inzwischen in weiten Teilen ein ziemlich teures und exklusives Pflaster.


Bereits direkt nach Mauerfall und Einheit hatten viele Experten – von Immobilienfachleuten bis  Stadtsoziologen – Berlin ein rasantes Wachstum vorhergesagt. Von schnell erreichten 4 Millionen Einwohnern war damals in den Prognosen die Rede, ebenso von großen Elendsquartieren am Rande der Plattenbausiedlungen. Doch es kam anders: Die Zahlen gingen zunächst nach unten – sowohl in der Wirtschaft als auch bei den Einwohnerzahlen. Die Wachstumsentwicklung und die erwarteten Gentrifizierungswellen setzten erst später ein – in einer neuen Berliner Mischung: mit Glasfassaden in Mitte und wiederbelebten Brachflächen an der Spree, mit einer lebendigen Gründerszene und einer oft überforderten Verwaltung, als Magnet für Hipster aus aller Welt – und ohne Großflughafen.
Das ist Berlin heute. Dynamik hat ihren Preis: Der Instagram-taugliche Soja-Latte kostet in Kreuzkölln bald 5 Euro und der Quadratmeter im Wedding für 15 Euro kalt ist bald schon ein Schnäppchen. Und im Vergleich zu München und Hamburg, zu London und Paris stimmt das sogar.


Doch was passiert mit einer Stadt, wenn die Kosten immer weiter steigen und sich immer weniger Menschen das Leben im Zentrum leisten können? Wie verändert es das gesellschaftliche Miteinander, wenn selbst Normalverdiener nur noch schwer am Stadtrand bezahlbare Wohnungen finden? Geringverdiener müssen schon heute – so zeigt eine Studie im Auftrag des Sozialverbands Deutschland auf – rund die Hälfte ihres knappen Einkommens für die Miete aufwenden. „Alleinerziehende, Haushalte mit Migrationshintergrund, Rentner, Bezieher von Transferleistungen oder Menschen mit geringem Bildungsgrad“ seien demzufolge besonders anfällig für eine hohe „Mietbelastungsquote“, so die Studie.


Die Mietenfrage ist die neue soziale Frage unserer Zeit. Doch das betrifft nicht nur den eigenen, privaten Wohnraum. Durch steigende Gewerbemieten entmischen sich ganze Stadtviertel – und kostengünstige Angebote für Kultur, Sport oder sonstige Freizeitangebote schwinden. Wer nur auf hohe Renditen seiner Gewerbeimmobilien setzt, bestimmt auch den Charakter der Nachbarschaft. Doch wem „gehören“ der Kiez, die Kultur und die kollektiven Räume?


Wie kann gesellschaftliche und politische Teilhabe in einer Stadt weiterhin funktionieren, wenn immer weniger an der Stadtgesellschaft direkt teilhaben? Die Entwicklung ruft längst nach einer neuen Gerechtigkeitsdebatte. Die Antworten werden nicht alleine Politik und Verwaltung geben können. Gefragt ist ein aktives Einmischen der Zivilgesellschaft, um sich die Verantwortung für diese zentralen Weichenstellungen zu teilen.


Die Berliner Stiftungswoche wird 2019 diese Fragen stellen: Wollen wir in einem Gemeinwesen leben, in dem Ellenbogen und Egoismus immer wichtiger werden? Was geschieht mit den Menschen im ländlichen Raum, wenn Takt und Tempo immer mehr aus der Stadt vorgegeben werden? Ist auch in Zukunft noch Platz für die Schwächeren in der Gesellschaft und bleiben Städte noch der Raum für soziale Experimente?


Die 10. Berliner Stiftungswoche wird diese und andere Fragen ausloten, Beispiele gelungener Stiftungsarbeit vorstellen und die Berlinerinnen und Berliner zum Einmischen einladen.