Eine Schule, in der Verschiedenheit normal ist

Das Evangelische Johannesstift und die Evangelische Schulstiftung in Berlin bauen in Berlin-Spandau eine »Schule ohne Grenzen«.

 

Mittwochfrüh in der Evangelischen Schule Spandau. Geometrie steht auf dem Plan der Klasse 4b. Doch heute wird sich der Unterricht besonders gestalten: Fünf Schüler der August-Hermann-Francke-Schule (AHFS) für körperlich und geistig behinderte Kinder und Jugendliche sind zu Besuch. Für die Sonderpädagogin Tanja Probst und Klassenlehrerin Simone Schiller ist es der erste Praxistest für gemeinsamen Mathe-Unterricht, der schon bald zum Unterrichtsalltag werden soll.

Die Viertklässler bemalen selbst gebastelte Papierwürfel mit Punkten, die wie Augen auf einem Spielwürfel aussehen. Mittendrin sitzt Florian, ein Junge im Rollstuhl. Er sprüht vor Energie, greift die Hand der Lehrerin und gibt ihr zu verstehen, dass er unbedingt auch Punkte auf seinem Würfel haben will. Tanja Probst nimmt den Filzstift und fragt Florian, wie viele Punkte sie auf jeder Seite zeichnen soll. Die Antworten kommen prompt und richtig. Florian kann bis 15 zählen und rechnen, auch wenn seine Worte wenig verständlich sind.
Der aufgeweckte 15-Jährige hat bei der Geburt einen schweren Hirnschaden erlitten. Er wird dauerhaft auf den Rollstuhl angewiesen sein.

Jeder Mensch hat ein Recht auf Teilhabe

Schülerinnen und Schüler mit einer Behinderung den Besuch einer Regelschule zu ermöglichen, ist Forderung der UN-Behindertenrechtskonvention. Mit ihr verordnet die Politik, was mit christlichem Selbstverständnis und Nächstenliebe längst klar ist: Jeder Mensch verdient, dass sich die Gesellschaft gleichermaßen um ihn kümmert. Auch das schwerstbehinderte Kind hat das Recht auf gemeinsamen Unterricht in der Regelschule.

Seit Deutschland die Konvention 2009 verabschiedet hat, müssen alle Bundesländer Maßnahmen zu ihrer Umsetzung ergreifen. In Berlin ist die Inklusionsquote von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Vergleich zum Bundesdurchschnitt relativ hoch. Doch der Eindruck täuscht: Nur ein geringer Teil der Kinder mit schwersten oder Mehrfachbehinderungen wird inklusiv unterrichtet.

Schüler wie Florian sind von regulären Angeboten praktisch ausgegrenzt. Aufgrund seiner mehrfachen Behinderungen suchten seine Eltern lange nach einem geeigneten Schulplatz. Sie sind froh, dass sie die AHFS im Evangelischen Johannesstift  für Florian gefunden haben. Hier wird er herzlich aufgenommen und von kompetenten und engagierten Mitarbeitern individuell gefördert. Doch sie sehen auch, dass er sein Potenzial nicht ausschöpft, weil er an seiner Schule kaum Kontakt zu Gleichaltrigen ohne Behinderung hat. Sie glauben fest daran, dass er in einer Inklusionsklasse mehr lernen würde. Mitschüler ohne Behinderung würden ihn zum Beispiel im Sozialverhalten positiv beeinflussen.

Zwei Schulen wachsen zusammen

Ein gemeinsamer Schulalltag für alle Schülerinnen und Schüler ist das erklärte Ziel der AHFS und der Evangelischen Schule. Die Voraussetzungen für eine solche „Schule ohne Grenzen“ sind gut: Beide Schulen liegen nur 200 Meter voneinander entfernt, auf dem Gelände des Evangelischen Johannesstifts in Berlin-Spandau. Hier wird Inklusion seit Jahren gelebt. Generationenübergreifend leben, lernen und arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung nachbarschaftlich zusammen.

Seit 2009 entwickeln die Kollegien und Elternschaften beider Schulen im „Arbeitskreis Inklusion“ ein gemeinsames Schulkonzept. Man hospitiert gegenseitig, die Schüler feiern, spielen Theater und starten Projekte zusammen. In vielen kleinen Schritten wachsen die Schulen zusammen. Lehrer, Schüler und Eltern sammeln wertvolle Erfahrungen im Umgang miteinander.

Nicht nur Florians Eltern erhoffen sich vom gemeinsamen Schulunterricht mehr Normalität und weniger soziale Ausgrenzung für ihr Kind und das Familienleben. Viele Eltern von Schülern der Evangelischen Schule sind ebenfalls überzeugt, dass ihr Kind beim gemeinsamen Lernen mit behinderten Kindern wertvolle Sozialkompetenz gewinnt.

Ein Unterrichtskonzept, das auf jeden Schüler eingeht

Den unterschiedlichen Bedürfnissen beider Schülerschaften gerecht zu werden, ist keine leichte Aufgabe. An der AHFS sind zwei Drittel der 75 Schüler auf den Rollstuhl angewiesen. Die Gruppen mit sechs bis sieben Schülern werden intensiv von drei Mitarbeitenden, darunter eine Sonderschullehrkraft, betreut. Manche Kinder lernen lesen, schreiben oder rechnen. Für andere ist das Erlangen der Selbständigkeit beim Essen höchstes Ziel. Auch an der Evangelischen Schule, einer Grund- und Sekundarschule mit 450 Schülern hat eine zunehmende Zahl von Kindern Problematiken wie ADHS, Epilepsien oder Lese-Rechtschreibschwächen. Deshalb sucht das Kollegium nach neuen Wegen, um den Förderbedürfnissen Aller, von der Hochbegabung bis zur Lernstörung, gerecht zu werden.

„Es geht uns um eine Schule, die auf die verschiedenen Bedürfnisse aller Schüler eingeht und individuelle Ziele setzt. Wir sind auch überzeugt, dass wir nicht alle Schüler ständig gemeinsam unterrichten können. Gemeinsame und getrennte Unterrichtsphasen werden einander abwechseln“, sagt Ulrike Müller, Schulleiterin der AHFS. „Darum haben wir ein besonderes Unterrichts- und Raumkonzept entwickelt: Jeweils eine Gruppe der AHFS und der Evangelischen Schule bilden eine gemeinsame Inklusionsklasse. Sie bekommt einen Inklusionsklassenraum, der sich zum räumlichen Zentrum entwickeln soll, wo gemeinsamer Unterricht, Pausen und Gruppenarbeit stattfinden werden.“

Daneben befindet sich für jede der beiden Bezugsgruppen ein Raum für getrennten Unterricht, der auch als physischer und psychischer Rückzugsort dient. Flure, Sanitäreinrichtungen und Gruppenräume sind auf die Anforderungen der Schülerschaft mit und ohne Behinderung abgestimmt. Ein wichtiger Aspekt: Formal bleiben beide Schulen nebeneinander bestehen – und somit auch die hochqualifizierte personelle Ausstattung.

Eine Schule, die den Zusammenhalt stärkt

Das Unterrichtskonzept ist bisher einmalig in Deutschland. Um es in die Tat umzusetzen, schaffen die Träger der beiden Schulen, das Evangelische Johannesstift und die Evangelische Schulstiftung in der EKBO nun die baulichen Voraussetzungen. Ein barrierefreier Neubau in direkter Nachbarschaft zu den bestehenden Schulgebäuden der Evangelischen Schule ist in Planung und soll 2019 eröffnet werden. Möglich wird das Projekt durch das finanzielle Engagement von Stiftungen und privaten Spendern.

Mitgefühl, Toleranz, Solidarität und Hilfsbereitschaft scheinen im Alltag für immer mehr Menschen Fremdworte zu sein. Dem gilt es zu begegnen, will man den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft erhalten. In der „Schule ohne Grenzen“ soll Anderssein, gleich welcher Art, nicht zu Ausgrenzung führen, sondern als Bereicherung erfahren werden und als entwicklungsförderliche Bedingung allen Schülerinnen und Schülern zugutekommen. Eine Schule, in der Kinder von Anfang an Verschiedenartigkeit als Normalität (er-)leben, ist nicht nur für sie ein guter Start ins Erwachsenwerden, sondern auch eine Bereicherung für unsere Zivilgesellschaft.