Abendmahlsgottesdienst zur Berliner Stiftungswoche mit der Bürgerstiftung Berlin*

Seit einigen Jahren stellt Pfarrer Martin Germer das jeweilige Schwerpunktthema der Berliner Stiftungswoche in den Mittelpunkt des Gottesdiensts an dem Sonntag, der in die elf Tage der Stiftungswoche fällt. So auch im Jahr 2019.

 

Sonntag Judika, 7.4.2019, 10.00 Uhr, Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche »Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein« (Markus 10, 35-45)

 

Liebe Gemeinde!

Was Jesus eben zum Schluss zu seinen Jüngern gesagt hat, das passt richtig gut zu unserem heutigen Thema – zur ehrenamtlichen Tätigkeit im Rahmen der Bürgerstiftung Berlin. Man muss es dazu nur ein bisschen in heutige Sprache übersetzen. Zunächst lese ich die Schlusssätze aber noch einmal im Originalton der Bibel.

Ihr wisst, wie es in der Welt zugeht, sagt Jesus zu seinen Jüngern: »Die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein.« Und dann setzt er noch einen drauf: »Wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.«

Übersetzt in unsere heutige Lebenswirklichkeit könnte das heißen: Wer unter euch Bedeutendes tun will, der soll etwas für andere tun. Und wer zu Recht Anerkennung finden will, der soll sich für das Gemeinwohl engagieren.

Da sehe ich einige mit dem Kopf nicken, innerlich zumindest. Genauso sollte es sein. Und es gibt zum Glück eine Menge Menschen, die das auch für sich selbst so beherzigen. 500 oder 600 sind es allein bei der Bürgerstiftung, die sich in diesem Sinne ehrenamtlich engagieren. Und ganz bestimmt sind hier unter uns noch viele andere, die ebenfalls ehrenamtlich Aufgaben wahrnehmen, jeweils an ihrem Ort, sei es in Kirchengemeinden oder auch auf anderen Gebieten.

Gleichzeitig gäbe es gerade für Sie als ehrenamtlich Aktive aber auch Grund zum Widerspruch. Warum sagt Jesus denn: »Wer groß sein will unter euch«? Wir machen das doch nicht, um besondere Anerkennung zu kriegen oder um womöglich groß rauszukommen. Wenn wir mit dem Bilderbuchkino in den Kindergarten gehen oder wenn wir in den Klassenräumen unsere Physikkoffer aufbauen, dann hat das doch seinen Wert in sich selbst! Die leuchtenden Augen der Kinder, der Eifer, mit dem sie sich an die Experimente machen: mehr an Belohnung braucht es wirklich nicht. Oder der kreative Prozess, in dem das seinerzeit alles ausgetüftelt wurde und wie dann zum Beispiel die Apparaturen gebaut wurden: das war auch für Ingenieure mit Jahrzehnten Berufserfahrung noch mal etwas ganz Neues und Schönes. Und wie beglückend ist es zu sehen, wie die Sprachkompetenz der Kleinen im Bilderbuchkino zunimmt, wie sie sich immer genauer und immer freier auszudrücken lernen!

Da mag es zwar im Einzelfall schon mal vorkommen, dass jemand das auch um der Anerkennung willen tut oder um sich anderen gegenüber hervorzutun, so wie bei den beiden Jüngern zu Anfang der Geschichte, bei Johannes und bei Jakobus. Das wäre ganz menschlich. Viel schöner ist es aber, wenn solches Engagement seinen Sinn und Zweck in sich selbst hat. Spüren, wie das, was man selbst gelernt hat, anderen hilft; und wie das, wofür das eigene Herz schlägt, auch die Kinderherzen höher schlagen lässt: Was gäbe es Schöneres? Im Idealfall möchte man mit keinem tauschen!

Und genau um dies uneigennützige Tun geht es Jesus in dieser Geschichte! Zu dieser Freiheit möchte er seinen Jüngern verhelfen. Da sind zwar die einen, Jakobus und Johannes, die möchten gern für sich selbst die Ehrenplätze haben; vielleicht weil sie schon besonders lange mit Jesus unterwegs sind und weil sie meinen, besonders viel geleistet zu haben. Und da sind die anderen, die empören sich darüber. Sie denken, dass sie selbst das doch nicht weniger verdient hätten. Aber das eine ist so unnötig wie das andere. Wahre Größe zeigt sich da, wo man gerade nicht etwas für sich selbst sucht, sondern wo man etwas für andere tut, ohne damit auf besondere Anerkennung aus zu sein. »Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein.«

Für Jesus steht das auch in einem gesellschaftspolitischen Zusammenhang. Deshalb weist er seine Jünger auf etwas hin, was in der Antike überall gesellschaftliche Wirklichkeit war und in einem besetzten Land wie der damaligen römischen Provinz Syrien allemal: »Die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.« Eben daran sollen die Seinen sich in ihrem Miteinander aber kein Beispiel nehmen, im Gegenteil. »So ist es bei euch nicht«, sagt er ihnen klipp und klar. Und diese klare Ansage braucht keine Übersetzung.

Und auch nicht für den ersten Satz. Herrscher, die »ihre Völker niederhalten«, gibt es leider auch noch heutzutage. In vielen Ländern herrscht Unterdrückung und wird Macht mit brutaler Gewalt ausgeübt. Für unsere freiheitliche und demokratische Gesellschaft allerdings gilt das so nicht. Das verdanken wir denen, die in früheren Zeiten demokratische Verhältnisse erkämpft haben und den sozialen Rechtsstaat, in dem wir heute leben können. In gut sechs Wochen wird unser Grundgesetz 70 Jahre alt. Im August vor 100 Jahren trat die Weimarer Reichsverfassung in Kraft. Beides waren enorme gesellschaftliche Errungenschaften, über die wir nur froh sein können.

Doch wenn wir als Bürgerinnen und Bürger uns nicht aktiv dafür einsetzen, dann gerät die Freiheit auch bei uns wieder in Gefahr. Und wenn nicht die eigene, dann vielleicht die Freiheit von anderen, die nicht so gut dran sind. Vor gut zwanzig Jahren, als die Idee zur Gründung der Bürgerstiftung entstand, da gab es in unserem Land zum Beispiel eine ganze Reihe von rassistischen Angriffen und Überfällen auf Ausländerinnen und Ausländer in unserem Land. Es gab auch erhebliche Schulprobleme, schon
seinerzeit. Die betrafen in besonderem Maße Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten und aus Migranten-Familien. Und die bestehenden politischen Strukturen waren schon seinerzeit nicht in der Lage, diese Probleme allein zu bewältigen.

Daher entstand 1998 die Idee, dass Bürgerinnen und Bürger selbst in neuer Weise aktiv werden sollten. In der Selbstdarstellung der Bürgerstiftung Berlin steht ein Satz des Kriminologen Christian Pfeiffer aus Hannover. Dieser schlug damals vor, dass »die Ideen-Reichen« sich mit den »Zeit-Reichen« und den »Geld-Reichen« zusammentun sollten. Damit, so sagte er in einem Vortrag, »entsteht von unten die Kraft, die wir zur Bewältigung der aktuellen Krisen so dringend brauchen“.

So wurde dann vor 20 Jahren mit dem Aufruf »Berliner helfen Berlinern“ die Bürgerstiftung Berlin gegründet, um gezielt Angebote zur Förderung von Kindern und Jugendlichen zu entwickeln – und um Ehrenamtliche zu gewinnen, die damit in Schulen und Kindergärten gehen. Und es gelang tatsächlich, was Pfeiffer angeregt hatte: »Geld-Reiche« sorgten für das nötige Startkapital, um die Stiftung zu gründen. »Zeit-Reiche« setzten sich zusammen. Und sie fanden dabei zugleich Unterstützung von Menschen, die eigentlich nicht gerade Zeit übrig hatten. Aber genau dieser Neuansatz klang so verheißungsvoll, dass sie dafür ein Stück auch von ihrer eher knappen Zeit hergaben. Schließlich und glücklicherweise gab es auch genügend »Ideen-Reiche« unter all denen, die die Stiftung auf den Weg brachten. Die einen hatten Ideen, wie man die Stiftung aufbauen und in der Öffentlichkeit bekannt machen könnte. Andere entwickelten Ideen für erste Projekte. So kam nach und nach eins zum anderen.

Heute ist die Liste der unterschiedlichen Angebote für Kinder und Jugendliche noch länger als das, was ich zu Beginn schon genannt habe. Die »Kräutergärten« wären z.B. noch zu nennen: Ein Berliner Sternekoch hatte die Ursprungsidee, heute werden sie an 70 Schulen von den Schülerinnen und Schülern jeweils nach eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen gestaltet. Oder »Verantwortung – Integration – Freundschaft«, das Projekt eines ehemaligen Fußball-Nationalspielers. Hier werden seit vier Jahren deutsche Kinder von inzwischen über zehn Schulen mit Kindern in Flüchtlingsunterkünften zusammengebracht, zum Fußballspielen und dann auch zu weiteren Begegnungen.

»So ist es bei euch nicht«. Mit diesen Worten hat Jesus seinen Jüngern den gesellschaftspolitischen Gegensatz für die damalige Zeit bewusst gemacht. Die Bürgerstiftung ist in gewissem Sinne ein gesellschaftspolitisches Gegenmodell für unsere Zeit. Große Unternehmen erkundigen sich bei der Bürgerstiftung, wie sie sich für die Stadt engagieren können, und animieren bisweilen ihre Angestellten zur Mitarbeit. Beim Vorgespräch habe ich erfahren, dass es sogar in Russland und in China Interesse gibt, von der Bürgerstiftung zu lernen: Wie kann zivilgesellschaftliches Engagement gefördert werden? Weil man selbst dort merkt: Der Staat sollte nicht alles selber machen.

Genau deshalb sind die vielen Ehrenamtlichen entscheidend, die sich hier engagieren, 500 bis 600 an der Zahl. Und deshalb ist es so ein Segen, dass ständig neue dazu kommen und dass Ausscheidende Ersatz finden. Das scheint gerade bei dieser Stiftung besonders gut zu gelingen. In all den unterschiedlichen Projekten lässt sich immer wieder beglückend erleben, wie viel der oder die einzelne doch tatsächlich bewirken kann, mit den je eigenen Möglichkeiten. Und wie schön es ist, Erfahrungen miteinander teilen und an andere weitergeben zu können. Davon habe ich selbst neulich beim Vorgespräch für diesen Gottesdienst schon einiges erfahren. Und ich kann nur einladen, nachher nach dem Gottesdienst noch hinüberzugehen in unser Kirchencafé. Da werden einige der Aktiven dabei sein und können im direkten Gespräch noch mehr zu ihren Erfahrungen sagen.

»Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein.« So hat es Jesus gesagt in die damalige Lebenswirklichkeit hinein. Wir haben den Ausdruck »Diener sein« schon mit »sich engagieren« in unsere Gegenwart übertragen. Und das lässt mich dankbar an all diejenigen denken, die die Größe haben, sich für andere oder für die Gemeinschaft zu engagieren: als Zeit-Spender, als Geld-Spender und als Ideen-Spender. Wir können dankbar für alle sein, die das seit nunmehr 20 Jahren für Kinder und Jugendliche in der Bürgerstiftung tun, und ebenso für die Zeit-, Geld- und Ideen-Spender an vielen anderen Orten unserer Gesellschaft. Und wir können dankbar sein für alle die Sinn-Erfahrungen, die dadurch entstehen: Wie viel dabei für einen selbst zurückkommen kann. Und das am ehesten, wenn man gerade nicht nach dem eigenen Vorteil fragt.

Vielleicht ist das ein besonderes Kennzeichen der Projekte, die die Bürgerstiftung anbietet: dass da so viel Positives zurückkommt. Und es könnte ein besonderes Gütezeichen für das Ehrenamtsmanagement dieser Stiftung sein. Hier wird sehr bewusst darauf geachtet, dass man wirklich immer wieder Freude am Mitwirken haben kann.

Aber ich will nichts idealisieren. Das gilt längst nicht für jedes gesellschaftliche Engagement. Es gibt auch ehrenamtliche Aufgaben, die sind eher frustrierend; oder sie sind mit Ärger und Konflikten verbunden. Es kann sein, dass man in seinem Einsatz für andere bis an die eigenen Grenzen gefordert wird oder sogar darüber hinaus. Es kann sein, dass man wenig Dank erfährt – und macht trotzdem weiter, denn man weiß: Hier werde ich gebraucht. Das gibt es bei ehrenamtlichen Aufgaben. Und bei Aufgaben in der Familie allemal. Und in beruflichen Zusammenhängen natürlich auch.

Zu der menschlichen Größe, für die Jesus wirbt, kann es gehören, dass man auch derartiges auf sich nimmt. Auch wenn man es sich so gewiss nicht ausgesucht hätte. Aber nun gilt es, auch das durchzustehen. Unter Umständen selbst dann, wenn man sich dabei tatsächlich wie ein »Diener« oder wie ein »Knecht« vorkommt und gar nicht frei ist in seinem eigenen Tun. Auch dann, wenn man vieles einfach hinnehmen muss.

Doch kann man sich dabei Jesus selbst besonders nahe fühlen. So jedenfalls hat er es damals seinen Jüngern zum Schluss gesagt, und diesen Gedanken möchte auch ich jetzt an den Schluss setzen, als Ermutigung und vielleicht auch für manche unter uns als Trost: »Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.«

Mit diesem »Menschensohn« meint Jesus sich selbst. Er selbst war nicht darauf aus, sich dienen zu lassen oder auch in anderer Weise aus seinem Engagement persönlichen Nutzen zu ziehen. In seinem eigenen Eintreten für die Menschen durfte ihn nichts hindern, im Gegenteil: Zum Schluss hat er sogar für uns Menschen den Tod erlitten – »als Lösegeld«, also zur Befreiung für die vielen. Daran denken wir jedes Jahr in der Passionszeit und so auch heute am Sonntag Judika mit dieser Geschichte aus dem Markus-Evangelium.

Das heißt nicht, dass wir uns ebenfalls unbegrenzt aufopfern müssten. Man kann sogar sagen: Gerade weil Jesus sich selbst für uns alle hingegeben hat, darum ist kein anderer Mensch verpflichtet, sich ganz und gar aufzuopfern.

Aber wir sollten hier mehr noch die Ermutigung hören und den Trost: Da, wo wir in unserem Einsatz für andere Dinge durchzustehen haben, die uns sehr zu schaffen machen oder die uns womöglich an unsere Grenzen führen, da dürfen wir Jesus an unserer Seite wissen. Und wir können darum beten, dass der Glaube an ihn uns zu tragen hilft, was sonst die eigenen Kräfte übersteigen würde.
Amen.

*Dieser Gottesdienst wurde anlässlich der 10. Berliner Stiftungswoche (2. - 12. April 2019) zusammen mit der »Bürgerstiftung Berlin« gefeiert. Seit etlichen Jahren nimmt die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche mit Veranstaltungen an der Berliner Stiftungswoche teil – so am 2.4.2019 mit einer Podiumsdiskussion zur diesjährigen Leitfrage »Wem gehört die Stadt?« – und gestaltet einen ihrer Gottes-dienste im Veranstaltungszeitraum mit einer der teilnehmenden Stiftungen und in Bezug auf deren Arbeit.
An der Vorbereitung und Gestaltung des Gottesdienstes wirkten mit: ehrenamtliche Physikpaten und Lesepaten sowie Eltern aus den »Spielend lernen«-Gruppen der Bürgerstiftung Berlin, Dr. Helena Stadler als Vorstandsmitglied und ehemalige Geschäftsführerin der Stiftung und seitens der Kirchenge-meinde Dr. Kurt Anschütz, Geschäftsführer der Deutschen Tinnitus-Stiftung Charité.



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