»Und abends fahren die Leute ihr Auto mit dem Aufzug ins Wohnzimmer«

Susanne Stumpenhusen, André Neupert und Sophie Röder im Gespräch über das Leben in der Stadt und die Rolle des Berlin-Forum • Aufgezeichnet von Stefan Engelniederhammer

 

Die Idee ist denkbar einfach: Im Berlin-Forum diskutieren Menschen über Berlin und die aktuellen Themen der Stadt, die sonst vielleicht nicht miteinander ins Gespräch kämen. Jede und jeder kann und soll die eigene Sicht der Dinge in die Diskussion einbringen. Ins Leben gerufen wurde das Berlin-Forum von der Stiftung Zukunft Berlin, gemeinsam mit acht weiteren Organisationen. Nicht ganz unwichtig bei dem Konzept ist, dass zu einer guten Diskussion auch das Zuhören gehört. Und darüber sollte eigentlich auch das ExtraBlatt berichten. Wie macht man das am besten?


Indem auch für das ExtraBlatt Menschen miteinander ins Gespräch kommen. So hatte das Team der Stiftung Zukunft Berlin gemeinsam mit dem Büro der Berliner Stiftungswoche die Idee, verschiedene Stimmen aus dem Berlin-Forum zu einem gemeinsamen Gespräch einzuladen: Susanne Stumpenhusen, bis Ende Februar 2019 Verdi-Chefin in Berlin und Brandenburg, ist ebenso aktiv im Berlin-Forum wie die Initiative MOMO, die sich um wohnungs- und obdachlose Jugendliche in Berlin kümmert. Für MOMO haben Projektleiter André Neupert und Sophie Röder, die derzeit ihren Bundesfreiwilligendienst bei MOMO absolviert, an dem Gespräch teilgenommen. Was am 28. Februar 2019 folgte, war ein spannendes Interview, das in der schriftlichen Langfassung 15 Seiten füllt. Das ExtraBlatt veröffentlicht daraus Auszüge, als Anregung, doch auch mal wieder mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen, etwa zur Frage: Wem gehört die Stadt?

 

 

Susanne Stumpenhusen: Ich lebe seit 33 Jahren in Kreuzberg und habe dort seitdem jede Menge Veränderungen erlebt. Als ich dorthin gezogen bin, war zum Beispiel der Graefekiez nebenan ziemlich „verranzt“. Es gab eine Kneipe, die hieß „Zum Standesamt“, mit alten Gummibäumen in den Fenstern. Und es existierte ein Laden, in dem man einzelne Schrauben kaufen konnte. Heute finden sich an allen Ecken schicke Lokale und Cafés, der Kiez ist „durchsaniert“ und kaum noch bezahlbar. Wo also früher kaum jemand leben wollte, werden heute Wohnungen zu astronomischen Quadratmeterpreisen vermietet und Eigentumswohnungen neu gebaut. In der Reichenberger Straße fahren Leute abends ihr Auto mit dem Aufzug ins Wohnzimmer… Und nebenan wird darum gekämpft, ob geflüchtete Menschen in einer ehemaligen Schule einen würdigen Aufenthaltsort haben. Da prallen sichtbar Welten aufeinander. Also, wem gehört die Stadt? Das müssen wir breit diskutieren: Wer kann Einfluss nehmen auf die Gestaltung der Stadt? Wer sorgt für die Infrastruktur? Und was passiert, wenn Infrastruktur wegbricht und das Leben im Kiez nicht mehr lebenswert ist? Welche Initiativen gibt es, um das zu ändern? Muss das ausschließlich von oben geschehen oder kann sich das auch anders entwickeln?

Sophie Röder: Die neuen Häuser mit den teuren Eigentumswohnungen, die überall entstehen, sehen nicht einmal schön aus. Sie sind alle gleich. Also ich würde da gar nicht einziehen wollen, selbst wenn ich die 6.000 Euro pro Quadratmeter hätte.

Susanne Stumpenhusen: Egal ob Eigentum oder Miete, die Preise haben sich absurd entwickelt. Dabei zählt bezahlbares Wohnen zur Daseinsvorsorge. Gerade als Gewerkschafterin habe ich mich immer dafür engagiert, dass es bezahlbaren Wohnraum geben muss. Es geht immerhin um ein elementares Menschenrecht. Die Preisentwicklung in den Berliner Innenstadtbezirken hat doch jetzt bereits dazu geführt, dass Familien auch in Stadtrandlagen wie Lichtenrade kaum mehr günstige Wohnungen finden. Meine Erfahrungen will ich auch ins Berlin-Forum einbringen. Als Volker Hassemer von der Stiftung Zukunft Berlin mich gebeten hatte, dort mitzumachen, habe ich gerne zugesagt. Ich sehe mich dort wie eine Art Katalysator: Ich möchte dort Themen und Argumente zusammenführen und voranbringen, wie zuletzt in einer Sitzung, als ich mit einem Club-Betreiber, einer Verlegerin, dem Landesbischof und einem Vorstandsmitglied der GASAG diskutieren konnte. Wenn ich mich nur mit meinen Gewerkschaftskollegen austausche, bekomme ich eher meine Perspektive bestätigt. Neue Argumente erfahre ich von Menschen aus anderen Lebenswelten. Deshalb freue ich schon auf die Fortsetzung beim ersten Treffen des Berlin-Forum.

André Neupert: Für uns war es eine glückliche Fügung, als wir gefragt wurden, beim Berlin-Forum mitzumachen. Als Interessenvertretung von wohnungs- und obdachlosen Jugendlichen zählen wir nicht wirklich zu den „gehörten Gruppen“. Wir versuchen uns natürlich, als MOMO Gehör zu verschaffen. Aber die vielen, die in Berlin auf der Straße leben, werden nicht entsprechend wahrgenommen. Das Thema Wohnungs- und Obdachlosigkeit ist bei Jugendlichen weniger sichtbar, weil viele Jugendliche – zumindest phasenweise – mit dem Schlafsack noch bei Freunden oder Bekannten unterkommen und von Couch zu Couch surfen. Deutschlandweit, so schätzt man, sind rund 37.000 junge Menschen ohne eigene Wohnung oder ohne Obdach. Andere Schätzungen gehen von bis zu 120.000 aus. Die Jugendlichen sind auch meist viel unterwegs, von Stadt zu Stadt.

Sophie Röder: Ich habe mal ein Mädchen gefragt, in wie vielen Bundesländern sie bislang unterwegs war. Sie hat dann geantwortet: „Frag mich mal lieber, wo ich noch nicht war.“ Schwierig ist auch das Prinzip, dass Plätze für Jüngere frei gemacht werden müssen. Wenn wir zum Beispiel einen Notschlafplatz für ein 17-jähriges Mädchen gefunden haben, sie dort schon länger übernachtet und dann aber ein 15-jähriges Mädchen kommt, muss die Ältere weiterziehen, wenn alle Plätze belegt sind.

André Neupert: Generell sind wir sehr froh, dass unser nicht ganz einfaches Thema, das viele doch eher als „Nischenthema“ betrachten, so langsam auf die politische Tagesordnung kommt. Dennoch beherrschen oft die Vorurteile die Debatte, wonach die Jugendlichen selbst Schuld hätten an ihrer Situation, weil sie von zu Hause ausgezogen oder gar abgehauen wären. Aber wir kennen meist die Hintergründe, etwa sexueller Missbrauch oder Gewalt in der Familie. Das sucht sich keiner freiwillig aus. Deshalb können wir Jugendliche mit diesen Erfahrungen nicht einfach in eine „normale“ Notunterkunft mit Mehrbettzimmern stecken. Acht Leute auf einem Zimmer, darunter schwerste Alkoholiker, wie in so manchen Unterkünften für Erwachsene – das können wir den Jugendlichen nicht zumuten. Deshalb haben wir in Deutschland ein Stufenmodell: von der Notschlafstelle über betreutes Gruppenwohnen bis zum betreuten Einzelwohnen. Das Stufenmodell ist Teil des Problems, weil viel zu viele Menschen an den Hürden der einzelnen Stufen scheitern und sich sehr oft vom Hilfssystem abwenden. Das führt dazu, dass die Menschen irgendwann entkoppelt vom Hilfesystem sind und nicht mehr erreicht werden. Doch dafür wird es immer schwerer, passende Objekte zu finden, weil der Wohnungsmarkt immer teurer wird. Für Verdrängung in unseren Städten gibt es übrigens noch ganz andere Beispiele, etwa wenn Parkbänke Zwischenbügel erhalten oder durch Bänke mit Sitzschalen ausgetauscht werden – nur mit dem Ziel, dass dort keine Obdachlosen übernachten. Auch da stellt sich die Frage, wem denn die Stadt gehört. Als MOMO und KARUNA Sozialgenossenschaft versuchen wir eben auf verschiedenen Ebenen auf solche Entwicklungen aufmerksam zu machen – und das auch gerne im Berlin-Forum.

Sophie Röder: Nach meinem Bundesfreiwilligendienst will ich vielleicht Soziale Arbeit studieren und später im Sozial- und Jugendbereich arbeiten. Ich nehme aus den Diskussionen im Berlin-Forum, aber auch in vielen anderen Netzwerken, viele Anregungen für die Zukunft mit.

 

Im Gespräch


Susanne Stumpenhusen war von 2001 bis Februar 2019 Landesbezirksleiterin des Landesbezirks Berlin-Brandenburg der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di). Zuvor war sie ab 1998 Vorsitzende der Gewerkschaft ÖTV Berlin. Nach ihrem Studium der Soziologie an der Freien Universität Berlin in den 1970er-Jahren hatte sie im Bezirksamt Spandau im Bereich Politische Bildung der Jugendförderung gearbeitet. Sie engagiert sich ehrenamtlich in zahlreichen Funktionen, so beispielsweise im Berlin-Forum der Stiftung Zukunft Berlin.


KARUNA Sozialgenossenschaft
Die KARUNA Sozialgenossenschaft versammelt Menschen, die gemeinsam mit benachteiligten Jugendlichen auf Augenhöhe an Zukunftsprojekten arbeiten. Die KARUNA Sozialgenossenschaft macht echte, auch strategische Mitbestimmung der Jugendlichen innerhalb der Genossenschaft möglich und bringt sie zusammen mit anderen Menschen, unabhängig von Alter und Status, die gemeinsam mit den „Draussenkindern“ eine Gemeinschaft mit Familiensinn bilden.
Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.karuna-sozialgenossenschaft.de

KARUNA Zukunft für Kinder und Jugendliche in Not International e.V.
KARUNA ist ein staatlich anerkannter Träger der freien Jugendhilfe, der Suchthilfe und der politischen Bildung und verfolgt als Nichtregierungsorganisation ausschließlich gemeinnützige Zwecke. KARUNA versteht sich als ein Netzwerk verschiedener Angebote an den Schnittstellen der Jugendhilfe sowie der Suchthilfe und der Bildungsarbeit. Seit der Gründung 1990 hat KARUNA ein breites Angebot an stationären und ambulanten Einrichtungen etabliert sowie weitere sozial-innovative Projekte auf den Weg gebracht. Ziel ist es, Kinder, Jugendliche und Familien in ihrer Entwicklung zu selbstbewussten Persönlichkeiten zu begleiten und zu unterstützen sowie traumatische Erfahrungen, psychische Störungen, und Suchterkrankungen zu überwinden.
Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.karuna-berlin.de

MOMO - The Voice of disconnected Youth
MOMO ist eine bundesweite Jugendinitiative zur Interessenvertretung von benachteiligten und von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossenen Jugendlichen. Das Berliner Büro organisiert gemeinsam mit den Jugendlichen im Bundesfreiwilligendienst die Prozesse und Veranstaltungen, wie u.a. die jährlichen Bundeskonferenzen der Straßenkinder und die WebApp MOKLI – Der Hilfefinder für Straßenkinder.
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Berlin-Forum


Berlin befindet sich in einer entscheidenden Phase seiner Entwicklung. Die Stadt ist immer mehr zusammengewachsen, sie bildet neue Potenziale aus und muss sich immer mehr in ihre neuen Rollen als globale Metropole, als nationaler Regierungssitz und Hauptstadt hineinfinden.
Das Berlin-Forum, das im April 2019 erstmals tagt, soll in dieser Situation einen Diskussions- und Verhandlungsraum schaffen, der zum einen Schwerpunkte und Visionen der weiteren Entwicklung Berlins im 21. Jahrhundert entwerfen und zum anderen Politik und Gesellschaft in einer neuen Form zusammenzubringen will, in der Kooperation und Gemeinwohl im Mittelpunkt stehen. Die Arbeit an der Zukunftsstrategie für Berlin soll, so das Berlin-Forum, ein Gemeinschaftswerk der Stadt werden.
Die Stiftung Zukunft Berlin ist ein unabhängiges Forum für bürgerschaftliche Mitverantwortung. Es geht ihr um die Zukunft Berlins. Wichtige Entscheidungen für die Stadt will sie nicht allein der Politik überlassen. In der Stiftung Zukunft Berlin arbeiten insgesamt mehr als 500 Bürgerinnen und Bürger in verschiedenen Initiativen mit jeweils fünf bis 40 ehrenamtlichen Mitgliedern.


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